manager magazin vom 12.01.2012
Es gibt zwei Arten von Milliardenbeträgen, mit denen die großen Ölkonzerne in den vergangenen Wochen und Monaten rechnen.
Mit den einen rechnen sie gerne: Es sind die Gewinne, die zuletzt nur so sprudelten. Der Grund: Die Ölpreise haben sich seit Anfang 2009 nahezu verdreifacht. Kostete ein 159-Liter-Fass der Nordseemarke Brent vor drei Jahren noch rund 40 Dollar, sind es heute rund 113 Dollar. Der zweitgrößte US-Ölkonzern Chevron hatte am Mittwoch zwar einen Gewinnrückgang verkündet - allerdings nur wegen schwächelnder Geschäfte in der Mineralölverarbeitung. Bei der Förderung von Öl und Gas läuft es weiterhin wie geschmiert. An der Börse wird Chevron Chart zeigen derzeit mit rund 210 Milliarden Euro bewertet - so hoch wie nie zuvor.
Und doch steht gerade Chevron ebenso sehr für jene Milliardenbeträge, mit denen die Mineralölkonzerne gar nicht gerne rechnen: den in die Höhe schnellenden Schadenersatzforderungen wegen vermeintlicher Umweltfrevel, vor allem in Südamerika.
So wurde Chevron Anfang Januar in Ecuador dazu verurteilt, wegen schwerer Verschmutzung des Regenwaldes im Amazonasbecken bis zu 18,14 Milliarden Dollar (knapp 14,2 Milliarden Euro) Strafe zu zahlen. Ein Berufungsgericht hatte dabei ein entsprechendes Urteil vom Februar 2011 bestätigt.
Damals hatte der Gerichtshof der von den Umweltschäden betroffenen Provinz Sucumbios geurteilt, dass Chevron für die Zerstörung von Regenwald 8,64 Milliarden Dollar zahlen muss. Das neue Urteil sieht zudem ein Bußgeld in Höhe von 10 Prozent der Strafe vor. Außerdem eine Verdoppelung des Betrags, falls Chevron sich nicht bei den rund 30.000 in einer Opfervereinigung zusammengeschlossenen Klägern entschuldige. "Es ist Gerechtigkeit geübt worden", sagte Ecuadors Präsident Rafael Correa angesichts des Urteils. Der Schaden, den Chevron im Amazonas-Gebiet angerichtet habe, sei nicht zu leugnen.
Milliardenstrafe: Chevron sieht "krasses Beispiel für Korruptheit"
Chevron sieht das anders. Das Urteil, so der Konzern in einer Stellungnahme, sei "ein weiteres krasses Beispiel für die politische Schieflage und die Korruptheit der ecuadorianischen Justiz". Diese habe den Prozess von Beginn an belastet.
Chevron will sich deshalb weiterhin vor internationalen und US-Gerichten gegen die Vollstreckung des Urteils wehren. Zumal der Konzern angeblich zahlreiche Beweise für Betrug und Korruption von Seiten der Klägeranwälte vorlegen könne. Kein Gericht, das rechtsstaatliche Prinzipien respektiere, würde das Urteil von Ecuador umsetzen.
Diese Sicht der Dinge teilt der Ölkonzern mit Anlegern und Analysten. "Die Tatsache, dass das Gericht wegen einer Nicht-Entschuldigung die Schadenersatzforderung auf 18 Milliarden verdoppelt hat, darf schon als absurd bezeichnet werden", sagt Sven Diermeier, der Chevron für Independent Research analysiert. Gegen die Vollstreckung des Urteils spreche darüber hinaus, dass Chevron sich bereits in den 90er Jahren aus Ecuador zurückgezogen habe. "Der Konzern hat keine nennenswerten Assets mehr in Ecuador, weshalb auch die Regierung kaum Druck ausüben kann."
Komplizierter ist die Situation für Chevron jedoch in Brasilien. Denn auch dort steht dem Konzern eine milliardenschwere Klage ins Haus.
2. Teil: Die Forderungen in Ecuador und Brasilien lassen sich kaum vergleichen
Anders als in Ecuador, wo Chevron sich heute um vermeintliche und Jahrzehnte alte Umweltfrevel des im Jahr 2001 übernommenen Texaco-Konzerns verantworten muss, zweifeln die Amerikaner ihre Schuld in Brasilien gar nicht erst an.
Anfang November waren bei Probebohrungen vor der Küste Rio de Janeiros mehrere tausend Liter Öl in den Atlantik geflossen. Wie viel genau, ist unklar. Während Chevron von 2400 Barrel Öl spricht, also rund 380.000 Litern, geht Greenpeace nach Auswertung von Satellitenbildern von rund 540.000 Litern aus, die brasilianischen Umweltbehörde Ibrada rechnet hingegen mit bis zu 1,27 Millionen Litern.
Im Vergleich zu den rund 780 Millionen Litern, die vor knapp zwei Jahren nach der Havarie der Bohrinsel Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko flossen, ist das wenig. Dennoch fordert die brasilianische Staatsanwaltschaft mittlerweile Schadenersatz in Höhe von 20 Milliarden Real (rund 8,5 Milliarden Euro) vom US-Konzern. Zwei vergleichsweise geringe Strafen in Höhe von 50 Millionen Real (21,3 Millionen Euro) und 10 Millionen Real (rund 4,2 Millionen Euro) hatte der Staat in den vergangenen Wochen bereits verhängt. Weitere Klagen, etwa von ansässigen Fischern, dürften folgen. Darüber hinaus hat die brasilianische Erdölagentur ANP den Amerikanern zunächst die Bohrlizenz entzogen, bis der Fall aufgeklärt ist.
Hier wird ein weiterer Unterschied zur Situation in Ecuador deutlich. Denn anders als in dem mittelamerikanischen Land, ist Chevron in Brasilien stark engagiert. Einer der weltweit wichtigsten Konzernsitze liegt in der Millionenmetropole Fortaleza, an der Nordostküste Brasiliens.
Mehr Drohkulisse als wirkliche Gefahr?
Dennoch spricht nach Ansicht des Analysten Sven Diermeier einiges dafür, dass auch die in Brasilien kolportierten Schadenersatzforderungen eher eine Drohkulisse als eine wirkliche Gefahr darstellen. "Die Regierung wird weiterhin an den finanziellen Ressourcen und dem technologischen Know-how Chevrons Interesse haben", meint er. Darüber hinaus bringe die Ölförderung des Konzerns auch dem brasilianischen Staat Milliardeneinnahmen. Abgesehen davon würden die vermeintlichen Kosten auch zwischen Chevron und dem Ölplattformbetreiber Transocean aufgeteilt werden.
Nicht zuletzt sei Chevron kaum verschuldet und verfüge über eine hohe Nettoliquidität - anders als beispielsweise BP zum Zeitpunkt der Deepwater-Horizon-Havarie im Frühjahr 2009. "Und selbst BP ist heute ja immer noch ein privater integrierter Konzern", sagt Diermeier.
Inzwischen gehen die Briten sogar wieder in die Offensive. So verklagte BP den Bohrinseldienstleister Halliburton erst Anfang Januar auf 20 Milliarden Dollar (15,6 Milliarden Euro) Schadenersatz. Das entspricht jener Summe, die BP nach der Ölpest im Golf von Mexiko in den von der US-Regierung aufgelegten Entschädigungsfonds einzahlen musste.
Wie sehr Konzerne auch vom Wohl und Wehe jener Staatsregierungen abhängig sind, in deren Gewässern sie bohren, zeigt sich am Beispiel BP. So war es kein Zufall, dass der einstige Konzernchef, der Brite Tony Hayward, nach der Katastrophe vor der US-Küste bald vom Amerikaner Bob Dudley abgelöst wurde.
Bob Dudley dürfte bei den Verhandlungen mit amerikanischen Klägern, Behörden und Regierungsvertretern nicht nur wegen seiner Staatsangehörigkeit punkten. Auch am anderen Ende der Welt hat er bereits Erfahrungen mit der Vermischung öffentlicher und privater Interessen gesammelt.
So leitete er vor seiner Berufung zum BP-CEO die Konzerntochter TNK-BP, die Ende 2003 als Joint Venture der Briten mit einer russischen Investorengruppe gegründet worden war. 2008 warfen die Russen den Briten indes vor, Visapflichten verletzt zu haben. Dudley selbst wurde beschuldigt, russische Gesetze gebrochen zu haben. Das Ergebnis: der amerikanische CEO Dudley wurde zum Rücktritt gedrängt. Zum neuen CEO von TNK-BP wurde 2009 der damals 36-Jährige Maxim Barsky ernannt, ein Russe.
3. Teil: Einstieg von Gazprom machte die 30-Milliarden-Dollar-Forderung obsolet
Noch deutlicher wird die russische Einflussnahme vor der nördlich von Japan gelegenen russischen Insel Sachalin. Dort ruht eine der größten Öl- und Gasreserven der Welt. Erschlossen wird die Region seit Mitte der 1990er Jahre - zunächst durch ein Konsortium unter Führung des Mineralölkonzerns Royal Dutch Shell Chart zeigen, der mit 55 Prozent die Aktienmehrheit an der Projektgesellschaft hielt.
Im Jahre 2006 kündigte indes das russische Umweltamt an, es werde eine Klage in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar gegen Shell erheben. Der Grund: Der begonnene Pipelinebau habe zu Erosionen geführt, Überflutungsgefahren seien zu wenig beachtet, Bäume illegal gefällt worden.
Gleichzeitig handelten die Russen unter mithilfe von Regierungschef Putin eine Beteiligung des russischen Staatskonzerns Gazprom Chart zeigen an dem Projekt aus. Shell und die japanischen Partner des Konsortiums stimmten dem Anteilsverkauf schließlich zähneknirschend zu. Gazprom hält seither 50 Prozent und eine Aktie, während die Erschließungskosten weiterhin mehrheitlich von den ursprünglichen Projektbeteiligten finanziert werden müssen. Nach dem Mehrheitswechsel war die 30-Milliarden-Dollar-Klage gegenüber Shell im Übrigen kein Thema mehr.
Einfluss von Staatskonzernen ist kein neues Phänomen
Dass Staatskonzerne in den Markt drängten, sei kein neues Phänomen, sagt Analyst Diermeier. "Wir haben das in Russland gesehen, in Kasachstan, auch in Venezuela und Bolivien, wo westliche Konzerne herausgedrängt wurden." Stattdessen würden inzwischen immer häufiger chinesische Konzerne einspringen. Diese seien weniger wegen ihres technischen Know-hows interessant, sagt Diermeier. "Sie bringen aber Geld mit und bieten Absatzmärkte."
Darüber hinaus gibt es wohl auch weitere Gründe, warum Investoren aus Fernost in manchen Ländern gern gesehen sind. "Die chinesischen Unternehmen sind bereit, jedes Regime zu tolerieren", sagt Josef Auer, Energieexperte bei der Deutschen Bank Research. Ihnen gehe es nur um die Rohstoffe.
Dass bislang in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht immer so genau hingeschaut wurde, wenn es um Ölkatastrophen ging, begründet Auer vor allem damit, dass die betroffenen Regierungen in der Vergangenheit meist die wirtschaftliche Entwicklung im Blick hatten. "Das Umweltthema wurde entsprechend niedrig gehalten", sagt er.
4. Teil: 25.000 Euro Strafe für ConocoPhilips in China
Als Beispiel für eine solche Politik mag der Umgang Chinas mit jener Ölpest gelten, die sich im vergangenen Sommer im zwischen China und Korea gelegenen Gelben Meer ereignete. Erst über die Berichte chinesische Blogger kam damals ans Licht, dass in einem Förderfeld des Konzerns ConocoPhillips China, zwei Lecks für eine Ölkatastrophe gesorgt hatten. Erst auf Druck westlicher Medien und Umweltschutzorganisationen reagierten die chinesischen Behörden auf den Unfall.
Auch das Ausmaß der Verschmutzung war zunächst vertuscht worden. So sprach ConocoPhillips Chart zeigen zunächst von 1500 Barrel ausgelaufenem Ölbohrschlamm, also rund 240.000 Litern. Später war dann von 2500 Barrel die Rede.
Der Umstand, dass ConocoPhillips China ein Joint Venture mit 51-prozentiger Beteiligung der China National Offshore Oil Corporation (CNOOC Chart zeigen) ist, Chinas drittgrößtem Förderkonzern, dürfte letztlich auch zur Höhe der Strafzahlungen beigetragen haben. Sie betrug 200.000 Yuan, was knapp 25.000 Euro entspricht.
50 Jahre Umweltverschmutzung in Nigeria
Geradezu als Musterbeispiel für eine seit Jahrzehnten geduldete Umweltverschmutzung gilt auch das westafrikanische Nigeria. Laut einem aktuellen Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) versickerten dort in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr als zwei Milliarden Liter Öl aus maroden Bohrinseln oder aus von Einheimischen sabotierten und angezapften Pipelines - dreimal mehr als nach der Deepwater-Horizon-Havarie im Golf von Mexiko.
"In Afrika wird jetzt allerdings genauer hingeschaut, und auch in Russland sei man sensibler", sagt Rohstoffexperte Auer. Ob sich diese Einschätzung als richtig erweist, wird sich zeigen. In Nigeria sind inzwischen zumindest Zivilklagen angekündigt, in denen Dorfbewohner mehrere hundert Millionen Dollar von Shell fordern könnten. Wie sich der Staat gegenüber Privatkonzernen positioniert, könnte sich im Verlauf dieser Wochen auch bei einer anderen Katastrophe zeigen, an der ebenfalls Shell beteiligt war. Kurz vor Weihnachten war beim Pumpen von einer Shell-Bohrinsel in einen Tanker Öl ausgetreten. Nach Angaben des Ölkonzerns bis zu 40.000 Barrel, also rund 6,3 Millionen Liter.
Auch ein anderer Konzern müsste sich seit kurz vor Weihnachten eigentlich viele kritische Fragen stellen lassen. Denn fast zeitgleich zur neuerlichen Ölpest in Nigeria versank vor der russischen Insel Sachalin die Förderplattform "Kolskaya". Mindestens 17 der 67 Menschen an Bord der Bohrinsel starben. Betreiberin war eine Tochtergesellschaft jenes Konzerns, der erst vor einigen Jahren wegen der vermeintlichen Umweltsünden seiner Wettbewerber in den Gewässern vor Sachalin zum Zuge gekommen war: Gazprom.
Quelle: manager magazin / Kristian Klooß
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