Handelsblatt vom 08.12.2011
Der niederländische Finanzkonzern ING arbeitet sich weiter an den Altlasten aus dem Versicherungsgeschäft in den USA ab. Gestern kündigte der Konzern an, dass man in diesem Bereich im vierten Quartal eine Belastung von 900 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro verbuchen werde.
Die Kosten, die durch vor einigen Jahren verkaufte Altersvorsorgeprodukte entstehen, sind unerwartet gestiegen. „Dass da Handlungsbedarf war, das war klar", sagt Stefan Bongardt, Analyst bei Independent Research in Frankfurt. „Die Höhe ist aber etwas überraschend." Die Börse zeigte sich enttäuscht, ING-Aktien wurden zeitweise mit einem Abschlag von sieben Prozent gehandelt.
Konkret geht es um spezielle Altersvorsorgeprodukte, den sogenannten Variable Annuities. Hierbei handelt es sich um flexible Rentenversicherungen, die direkt an der Entwicklung des Kapitalmarkts ausgerichtet sind, gleichzeitig aber eine Garantieleistung des Versicherers vorsehen. Anders als bei den etwa in Deutschland weit verbreiteten klassischen Lebensversicherungen müssen die Versicherer die Garantien nicht durch eine konservative Geldanlage und ein entsprechendes Sicherungsvermögen sicherstellen, sondern können die Garantien über komplizierte Derivategeschäfte absichern.
Teure Derivategeschäfte
In den USA sind diese Produkte nach wie vor der Renner. Viele Versicherer haben allerdings lange Zeit zu großzügige Garantien ausgesprochen, die Derivategeschäfte wurden viel teurer als erwartet.
Die ING kämpft schon lange mit den Folgen. Vor allem wegen der Geschäfte mit Variable Annuities musste die Versicherungssparte der ING bereits 2010 1,6 Milliarden Euro abschreiben, 2011 waren es dann sogar 2,3 Milliarden Euro.
Dass ING jetzt noch weitere Belastungen verbucht, kommt nicht von ungefähr. „Das Ganze ist in Hinblick auf den angestrebten Börsengang zu sehen", sagt Bongardt. „Der Konzern hat schon 2010 mit bestimmten Maßnahmen versucht, etwas aus der Ergebnisvolatilität rauszunehmen, um einen Börsengang oder Verkauf zu erleichtern."
Börsengänge bis zum Jahr 2013
Der niederländische Staat hat den Bank- und Versicherungskonzern ING in der Finanzkrise mit zehn Milliarden Euro gestützt. Das Geld muss möglichst schnell zurückgezahlt werden. Die Europäische Kommission machte zur Auflage, dass der Konzern bis Ende 2013 das Versicherungsgeschäft vom Banksegment abspaltet. Dazu sind zwei Börsengänge geplant, einer für das europäisch-asiatische Geschäft und einer für das amerikanische.
Variable Annuities sind vor allem in den USA und in Japan sehr verbreitet, in Europa weniger. In Deutschland bieten nur wenige Versicherer diese spezielle Form der fondsgebundenen Lebensversicherung an.
Bei der Kalkulation der Produkte waren viele Anbieter zunächst zu optimistisch. ING hat das Geschäft mit den betroffenen Variable-Annuities-Produkten deshalb Anfang 2009 eingestellt. Auch die Allianz, die in den USA viele solcher Policen verkauft, stellte 2009 den Vertrieb für ihr Produkt für einige Monate ein und brachte dann eine neu kalkulierte Police auf den Markt. Da die Anbieter aus ihren anfänglichen Fehlern gelernt haben, glaubt Anthony Silverman, Aktienanalyst bei Standard and Poor's Capital IQ, nicht, dass es bei der Konkurrenz ähnlich schlimm wird wie bei ING. „Wir erwarten keine ähnlichen Belastungen für andere europäische Versicherer."
Quelle: Handelsblatt / Michael Detering, Astrid Dörner
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